Erschienen am: 29.10.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 11 2018

Interview mit Dr. Barbara Frei von Schneider Electric

"Zuhören, Beraten und gemeinsam das Modell mit der richtigen Zielrichtung entwickeln"

Die SPS IPC Drives ist eine der wichtigsten Messen rund um die elektrische Automatisierungstechnik und Schneider Electric ist mit einem Jahresumsatz von 25Mrd. Euro ein echtes Schwergewicht und globaler Player in dieser Branche. Im September fand am Standort Grenoble eine Pressekonferenz statt, während der wir Gelegenheit zu einem Interview mit der Chefin der DACH-Region, Dr. Barbara Frei, hatten. Mit ihr sprachen wir über die Neuaufstellung der DACH-Region, die Einflüsse der Digitalisierung auf den Maschinenbau und die Industrie sowie die Lösungen, die Schneider Electric für seine Kunden dafür bereithält.


Ein Jahr nach der Zusammenlegung der DACH-Region unter ihrer Führung zieht Dr. Frei eine eindeutig positive Bilanz: "Schneider Electric ist in vielen Bereichen aktiv, in dem es nicht mehr um den Verkauf einzelner Komponenten geht. Heute bieten wir vor allem Lösungen oder ganz bestimmte Funktionalitäten an, an denen viele Spezialisten beteiligt sind. 80 Prozent unserer Mitarbeiter sprechen deutsch. Da lag es nahe, die Kompetenz und die Expertise der Teams für die gesamte Region zusammenzulegen. In der DACH-Region gibt es beispielsweise viele Schaltanlagenbauer, die in allen drei Märkten aktiv sind, das Gleiche gilt beispielsweise auch für Building-Management-Lösungen und natürlich für unseren Bereich Machine Solution. Hier stehen wir unseren Kunden heute übergreifend mit hochkompetenten Expertenteams zur Seite. Wir konnten so eine Bündelung und Vereinfachung unserer Ressourcen erreichen, die direkt unseren Kunden zugute kommt", erläutert sie.

Schneiders Ecostruxure für das digitale Zeitalter

Für die Anforderungen der Digitalisierung hat Schneider Electric die Gesamtlösungeplattform Ecostruxure entwickelt. Hier finden Anwender Lösungen vom Sensor bis in die Cloud, oder besser von der Sensorik bzw. Messwertaufnahme über die Steuerungsebene bis hin zur globalen Geschäftsanalyse. Das Thema werde beim Kunden mittlerweile sehr gut aufgenommen, erläutert Frei: "Wir haben viel Zeit in die Entwicklung der Plattform investiert. Die nächste Aufgabe bestand darin, auch unsere Mitarbeiter dementsprechend auszubilden. Denn Ecostruxure bedeutet nicht nur neue Lösungsmöglichkeiten für unsere Kunden, es ist auch eine andere Art des Verkaufs: Hier gilt gutes Zuhören, Beraten und dann gemeinsam das Modell mit der richtigen Zielrichtung zu entwickeln. Und ich glaube, genau das tun wir heute." Lösungen für das digitale Zeitalter benötigten also auch eine neue Art der Zusammenarbeit mit dem Kunden, erklärt Frei: "Kunden sind heute müde immer wieder PowerPoints zu sehen, Kunden möchten Beispiele sehen, Referenzen oder Dashboards. Und diese Anwendungen haben wir heute. Wir können unseren Kunden also an ganz konkreten Beispielen zeigen, welche Lösungsmöglichkeiten Ecostruxure ganz individuell für sie bereithält."

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Kunden auf neue Ideen bringen

Solch eine Lösungsplattform ist immer in der Weiterentwicklung, das ist klar. Dementsprechend gehen auch die Entwicklungen an Ecostruxure immer weiter. Frei: "Wir sind ständig dabei Ecostruxure zu erweitern, um unseren Kunden noch mehr Möglichkeiten zu geben. Dabei steht weiterhin eine Vereinfachung und Reduzierung der Komplexität bei der Umsetzung im Vordergrund. Vorgefertigte Funktionen und Anwendungen, wie wir sie im Prinzip schon seit Jahren beispielsweise mit den TVDAs in Programm haben (Tested, Validated, Documented Application, Anmerkung der Redaktion) spielen bei Ecostruxure eine noch bedeutendere Rolle und an dieser Stelle arbeiten wir mit besonderem Engagement daran, unser Angebot auf den Ebenen Applications und Service Level immer weiter auszubauen. Zuletzt hatte Schneider Electric auf der Hannover Messe den Machine Advisor vorgestellt, ein Tool für Überwachung, Service und Maintenance von Maschinen und Anlagen und deren Zustände, das beispielsweise ein virtuelles Öffnen des Schaltschrankes ermöglicht. "Der Ecostruxure Machine Advisor, den wir im Frühjahr gelauncht haben, kommt beim Maschinenbau sehr gut an. Das ist so ein Beispiel für einen Baustein aus dem Ecostruxure-Baukasten, der - in diesem Fall Maschinenbauer - auf neue Ideen bringt und den Kundennutzen einer Maschine deutlich erhöht", betont auch Dr. Frei. "Dabei bleibt die Realisierung für den Kunden einfach, da die Lösung schon vorgefertigt ist und nur noch nach Kundenwünschen konfiguriert und angepasst werden muss."

Analytics - Service - Businessmodel

Aber Schneider Electric gehe noch einen Schritt weiter, denn mit der Digitalisierung geht auch ein Wandel im Geschäftsmodell vieler Branchen und Unternehmen einher, betont Frei: "Digitalisierung ist vielschichtig. Die Kunden fragen sich natürlich, wie das zukünftige Businessmodell für eine bestimmte Lösung aussehen kann. Damit sind wir zunehmend daran beteiligt, mit unseren Kunden gemeinsam nicht nur eine technische Lösung zu entwickeln, sondern auch bei Fragen involviert, wie das Businessmodell unseres Kunden mit seinen Kunden aussieht. Völlig offensichtlich sind solche Themen natürlich bei Service und Analytics, wo wir bereits heute eine Vielzahl an Möglichkeiten für unsere Kunden bereithalten." Dazu betreibt Schneider Electric eine Cloud-Plattform für die verschiedenen Segmente als integralen Bestandteil der Ecostruxure. Dem Anwender stehen zahlreiche Möglichkeiten offen, mit Hilfe von Apps, Analytik und Dienstleistungen die Anwendung genau nach seinen Anforderungen zu gestalten. Dabei stehen in der Regel Daten aus der Edge-Controller-Ebene (SPS, DCS usw.) als Grundlage zur Verfügung, die hier bearbeitet und zu Geschäftsentscheidungen oder Geschäftsprozessen aufbereitet werden.

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Zusätzliche Impulse durch künstliche Intelligenz

Frei ist sich sicher, dass wir hier erst den Anfang einer Entwicklung sehen, die sich in den nächsten Monaten und Jahren sehr dynamisch gestalten wird. "Immer stärker rückt auch das Thema der künstlichen Intelligenz in das Bewusstsein unserer Kunden. Wenn dieses Element in der Industrie noch hinzukommt wird es nochmal einen deutlichen Impuls in diesem Bereich zusätzlich geben.

Arbeiten im digitalen Zeitalter

Immer häufiger werden Investitionsprojekte durch den Fachkräftemangel verzögert oder gar verhindert. Das ist insbesondere im Hinblick auf die Aufgaben der Digitalisierung eine zusätzliche Hürde. Für Frei ist klar: "Das duale Studium bietet hier gute Möglichkeiten und sollte weiter gefördert werden. Zudem würde ich die Migration der zurückliegenden Monate und Jahre wirklich als Chance sehen. Wir haben viele junge Leute, die neu zu uns gekommen sind. In der Schweiz und auch in Deutschland - gibt es Projekte und Stiftungen, die sich den Flüchtlingen zuwenden und ihnen eine Ausbildung ermöglichen, damit sie beispielsweise in den Softwarebereich hineinkommen, denn auch da herrscht ein riesiger Mangel an Fachleuten. Ich glaube, gerade solche Projekte werden einen guten Beitrag dazu leisten, den Fachkräftemangel zu lindern. Und ich bin überzeugt, dass wir das auch schaffen werden." Die Ausbildung, die Qualifizierung und das Wissensmanagement sind also wichtige Faktoren bei der Bewältigung der Problematik. Aber auch die Arbeitszeitmodelle sind für Frei ein wichtiger Bestandteil der Mitarbeiterbindung, auf die Unternehmen in immer individualisierten Lebensrealitäten reagieren sollten: "Wir müssen uns als Arbeitgeber zunehmend auf die flexibleren Arbeitszeitwünsche unserer Mitarbeiter einstellen können. Wir haben beispielsweise mit 'Flex at Work' Arbeitszeitmodelle eingeführt, in denen Mitarbeiter viel flexibler als früher bestimmen können wie sie ihre Arbeitszeit einteilen möchten. Das berücksichtigt beispielsweise Lebenssituationen, in denen die Kinderbetreuung oder die Betreuung älter werdender Eltern eine wichtige Rolle spielen. Da muss es eben auch mal möglich sein, die Eltern nachmittags um 4 Uhr zum Arzt zu bringen. Dafür kann ich aber um 6 Uhr weiterarbeiten. Oder wir bieten Sabbaticals, die einen gesicherten, begrenzten Ausstieg aus dem Berufsleben ermöglichen. Wir haben heute viele junge Menschen, die kommen zu ihren Vorgesetzten zu einer Zeit, wenn sie so richtig eingearbeitet sind und sagen: 'Ich möchte heiraten und anschließend auch noch auf eine Weltreise gehen'. Das wäre früher niemals möglich gewesen, heute sind das die Lebensmodelle, auf die man sich einstellen muss und da haben wir viel investiert. "

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Fazit

Einmal mehr wird auch im Interview mit Dr. Barbara Frei eines deutlich: Digitalisierung ist keine eindimensionale Frage der Technik, der Software, Hardware oder Protokolle. Vielmehr ist die Technik eine Voraussetzung, auf der Lösungen für das digitale Zeitalter aufbauen. Diese Lösungen müssen einfach und schnell zu realisieren sein, dabei müssen sie gleichzeitig einen hohen Grad an Flexibilität und Individualisierung ermöglichen. Für diese Quadratur des Kreises hat Schneider Electric mit Ecostruxure einen Baukasten entwickelt, der nicht nur ein umfangreiches Hard- und Softwareportfolio beinhaltet, sondern darüber hinaus zahlreiche vorgefertigte branchenspezifische Lösungen, mit denen Anwender schneller ans Ziel kommen. Unterstützt werden sie dabei von den Experten-Teams der DACH-Region, die die notwendige sogenannte Domain-Expertise haben und für einen schnellen Projekterfolg sorgen. Und noch einen weiteren Aspekt betont Dr. Frei zum Abschluss unseres Gespräches: "Manchmal sind mit neuen Produkten auch neue Geschäftsmodelle verbunden, die ein radikales Umdenken erfordern. Mit der Ecostruxure sind wir bei Schneider Electric auch für solche Anforderungen gewappnet. Der Kunde hat die Wahl."

Schneider Electric ist mit 144.000 Mitarbeitern in mehr als 100 Ländern und einem Jahresumsatz von circa 25Mrd. Euro ein weltumspannender Elektrokonzern, der bereits im Jahr 1836 gegründet wurde. In der Automatisierungstechnik ist das Unternehmen in Deutschland in den 90-er Jahren vor allem durch die Übernahme von AEG Modicon bekannt geworden, damals einem der größten SPS-Hersteller. Zudem gehören zu dem Konzern Traditionsmarken wie Telemecanique, Merlin Gerin oder Square D. In der zurückliegenden Dekade hat sich das Unternehmen zu einem integrierten Technikkonzern mit vier Betätigungsfeldern entwickelt. Dazu gehören die Gebäudetechnik, Infrastrukturprojekte, Datacenter sowie das Segment Industrie. Gerade im industriellen Sektor hat sich das Unternehmen durch strategische Zukäufe in den zurückliegenden 13 Jahren enorm verstärkt, beispielsweise durch die Akquise von Invensys im Jahr 2015, wozu beispielsweise Marken wie Wonderware oder Foxboro gehören und zuletzt durch die Mehrheitsübernahme des Software-Konzerns Aveva. Jedes Jahr investiert das Unternehmen 5% in Forschung und Entwicklung.

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