18.11.2020

Schneider Electrics DACH-Chef im Interview mit dem SPS-MAGAZIN

Neue Produkte - konsequente Strategie

Schneider Electric ist Anbieter für Automatisierungslösungen für den Industrie- und Energie-Sektor. Die Lösungsarchitektur für alle Zielbranchen des Unternehmens nennt sich EcoStruxure und der Chef der DACH-Region heißt Christophe de Maistre. Mit ihm trafen wir uns zum Interview. Denn vielen ist Schneider Electric als Elektrokonzern ein Begriff mit Produkten für Mittel- und Niederspannungstechnik, Steuerungen und Gebäudetechnik. Doch seit Jahren läuft der Umbau des Unternehmens zum IIoT-Anbieter von der MSR-Technik über die Edge bis in die Cloud. Im Interview gab Christophe de Maistre Einblicke in die gegenwärtige Situation des Unternehmens, seine Strategie und konkrete Produktentwicklungen, die die Automatisierungswelt nachhaltig verändern könnten.


Bild: Schneider Electric GmbH

Kurz vorab zur Person von Christophe de Maistre: Er ist 54 Jahre jung und seit 2017 bei Schneider Electric, seit dem 1. März 2019 als Zone-President für die Region Deutschland, Österreich und die Schweiz. Der sympathische Franzose ist als studierter Ingenieur mit Schwerpunkt Automation vom Fach und die IEC61131 oder die 61499 sind für ihn keine Fremdwörter. Warum das in dem Interview noch wichtig wird? Dazu später mehr …

Corona und die Marktposition

Auch Schneider Electric sei von der Pandemie nicht unbeeinflusst geblieben, sagt de Maistre gleich zu Beginn unseres Interviews: "Natürlich mussten auch wir - global gesehen - im ersten Halbjahr Rückgänge hinnehmen. Je nach Geschäftsbereich waren es zwischen neun und elf Prozent. Aber ich bin überzeugt, dass wir nicht nur gestärkt aus der Krise hervorgehen, sondern dass wir bereits während der Pandemie an Marktanteilen gewinnen. Viele Themen, in denen wir Vorreiter sind, wie beispielsweise die Elektromobilität oder die Digitalisierung, nehmen stark an Dynamik zu. Und für diesen Schwung sind wir gut aufgestellt."

Konsequente Strategie konsequent verfolgt

"Wir verfolgen schon seit Jahren einen multi-lokalen Ansatz, daher sind unsere Werke auch in der Krise weitergelaufen. Konkret bedeutet dies, dass wir unsere Supply Chain und das geschäftliche Ökosystem in den Regionen verankert haben. Das hilft uns natürlich in Krisenzeiten und stärkt unsere Resilienz. Wir hatten praktisch keine Ausfälle in der Produktion. Natürlich gab es auch bei uns hier und da Engpässe, aber die konnten wir immer lösen. Im Branchenvergleich sind wir digital sehr gut aufgestellt. Allein durch unsere Lieferfähigkeit konnten wir an einigen Stellen Marktanteile gewinnen. Zudem war unsere gesamte M&A-Strategie der vergangenen Jahre auf die jetzt kommenden Zielmärkte ausgerichtet. Damit sind wir an vielen Stellen schon da, wo andere hinwollen."

Akquisitionen von Proleit und RIB-Software

Die M&A-Aktivitäten der letzten Jahre ist in der Tat beachtlich. Den meisten SPS-Lesern dürfte Schneider Electric als Käufer des Steuerungsherstellers AEG Modicon bekannt sein - das ist lange her. Im Laufe der Jahre hat das Unternehmen eine umfangreiche Palette an skalierbaren Steuerungen und Antrieben für die allermeisten Anwendungen aufgebaut, unter anderem durch den Zukauf von Berger Lahr und Elau in den 2000er-Jahren. Viele weitere Akquisitionen folgten, darunter der Kauf von Invensys mit Wonderware und Foxboro sowie im Jahr 2018 die Verbindung mit Aveva, einem Softwarespezialisten mit Schwerpunkt in der Prozessindustrie. Neben dem organischen Ausbau der Gesamtorganisation wächst das Unternehmen auch in diesem Jahr durch Zukäufe. Im Sommer hat das Unternehmen den MES-Anbieter Proleit erworben. Zudem hatte Schneider - auch während der Pandemie - die Übernahme des Börsen-notierten Unternehmens RIB-Software erfolgreich abgeschlossen, einem Unternehmen für 'Bau-Software': "Beide Akquisitionen passen hervorragend in die Wachstums-Strategie von Schneider Electric", erklärt de Maistre. "Mit Proleit als Softwarelieferant und Systemintegrator im Bereich Prozessüberwachung und MES verstärken wir weiter unsere Expertise im Bereich integrierter Produktionssteuerung. Proleit ist dabei im systemrelevanten Sektor Food & Beverage ein Big Player, teilweise auch im Bereich Pharma. Damit ist Proleit eine perfekte Ergänzung zu Aveva und die Akquisition bringt uns einen erweiterten Zugang zu den erwähnten Branchen. RIB-Software ist Anbieter von Software für den Bereich Gebäudeplanung und -Management über den gesamten Lebenszyklus hinweg - Stichwort Building Information Modeling oder kurz BIM. RIB-Software ist hier ein Vorreiter und diese Akquisition gibt uns die Möglichkeit, die Zukunft im Bauwesen mitzugestalten. Wir haben grob geschätzt, dass die Plattform von RIB Effizienzpotenziale von 30 bis 40 Prozent in sich birgt", erläutert de Maistre.

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Servicegeschäft ausbauen

Software genießt den Ruf, in Krisenzeiten besonders resilient gegen Verluste zu sein. Das liegt zum einen daran, dass so gut wie keine Distributionslogistik notwendig ist, zum anderen aber auch daran, dass die Lizenz- und Servicemodelle immer wiederkehrende Einnahmen ermöglichen. Zudem liegt der Großteil der Innovation auch in der Industrie in der Nutzung der Daten. Derzeit liegt der Anteil von Software und Services bei Schneider Electric bei 17 Prozent des Umsatzes, sagt de Maistre. "Unser klares Ziel ist es, diesen Anteil auf über 20 Prozent zu steigern. Dieses Ziel wollen wir auch gemeinsam mit unseren Systemintegratoren und unseren Partnern erreichen, denn davon profitieren alle Seiten: Unser Unternehmen, unsere Partner und unsere Kunden. Wir befähigen unsere Partner über das Service-Providing, ganzheitliche Lösungen anzubieten. Gerade die Digitalisierung eröffnet hier viele Möglichkeiten wie beispielsweise Predictive Maintenance oder Analytics. An dieser Stelle haben wir viel Aufwand in unsere Produkte und Softwaresysteme investiert und können unseren Kunden so ein differenziert abgestuftes Service-Angebot machen. Denn viele Probleme lassen sich mit modernen Mitteln der Fernwartung und mit Hilfe eines geschulten Mitarbeiters lösen. Wenn es tiefer geht, stehen die Experten von Schneider Electric zur Seite, sowohl unseren Partnern als auch unseren Kunden."

Dezentrale Systeme ändern die Automatisierungswelt

Mit EcoStruxure Automation Expert hat Schneider Electric im Oktober das neue Tool auf Grundlage der IEC61499 für offene Automatisierung vorgestellt. Hiermit ist eine hardwareunabhängige, softwarebasierte und ereignisgesteuerte Programmierung von Automatisierungsanwendungen möglich. Die rein softwarezentrierte Automatisierungsschicht erlaubt eine tiefere IIoT-Vernetzung. In der Konsequenz könnte man sich vorstellen, dass die Ebene der Steuerungen entfällt und in die einzelnen Geräte wandert. De Maistre sagt dazu: "Der Automation Expert ist tatsächlich so etwas wie eine Revolution. Dahinter steckt letztendlich die Philosophie, dass man die zentrale Steuerung einer Anwendung einspart und die Steuerungsaufgaben in die vernetzten Produkte verlagert. Die Basis dafür ist die Norm für verteilte Steuerungen 61499. Aus meiner Sicht ist das eigentlich die passende Steuerungsphilosophie für das IIoT-Zeitalter. Wir sind davon überzeugt, dass dieser hardwareunabhängige Ansatz die Engineering-Zeiten drastisch reduziert und dadurch die Time-To-Market für Applikationen deutlich verringern kann. Denn indem der Automation Expert die Kommunikationsbeziehungen zwischen einzelnen mechatronischen Komponenten eigenständig konfiguriert, bleibt Anwendern mehr Zeit für die Einrichtung ihrer automatisierten Prozesse. Außerdem können Erweiterungen oder Umrüstungen einer Anlage unkompliziert per Plug&Play-Prinzip umgesetzt werden. Insgesamt lassen sich Produktivität und Flexibilität eines Betriebs damit natürlich um ein Vielfaches steigern. Uns ist bewusst, dass offene Automatisierung für viele in der Branche noch ein neues Thema ist. Dennoch sind wir uns sicher, dass es angesichts der Möglichkeiten und Vorteile, die eine IIoT-getriebene Digitalisierung bietet, der richtige Weg ist, auch in der Automatisierung auf nahtlose IT/OT-Konnektivität und Hardwareunabhängigkeit zu setzen. Wir sind sehr gespannt, wie die Resonanz auf das System ist, aber es kommen immer mehr junge Leute in die Unternehmen, die offen sind für solche Lösungen. Und für alle, die aus vielerlei Gründen noch bei der hardwarezentrierten Steuerung bleiben wollen, haben wir ein leistungsstarkes und skalierbares Portfolio, dass alle Anforderungen an moderne Automatisierungsanwendungen beherrscht."

Fazit

Schneider Electric hat seine Strategie gefunden und verfolgt konsequent den Digitalisierungskurs. Das gilt für die M&A-Aktivitäten genauso wie für interne Prozesse und die Organisation und natürlich für die Produkte und Lösungen. Mit dem Schritt zum Automation Expert geht das Unternehmen einen Weg, der Mut erfordert, schließlich ist die Steuerungshardware immer noch das Brot- und Butter-Geschäft und das Aushängeschild der Automatisierungsunternehmen. "Ich freue mich immer, wenn wir Vorreiter bei einer Technologie sind. Das ist nicht immer einfach, aber es ist die richtige Innovation zur richtigen Zeit. Und die Offenheit, die der Automation Expert bringt, passt zu Schneider Electric, denn Offenheit ist unsere DNA", sagt Christophe de Maistre zum Abschluss des Gesprächs.

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