Serie Führung und Personalentwicklung

Arbeitswelt
Maloche oder Paradies?

Sind wir alle wirklich immer mehr gestresst? Oder handelt es sich nur um eine gefühlte Überlastung? Machen wir uns am Ende den Stress gar selbst? Ein paar Fragen können das klären.

Autor: Dr. Wolfgang Feige unterstützt als Personalexperte Top Job-Unternehmen bei der compamedia GmbH.


Ich höre immer wieder, dass die Work-Life-Balance vielerorts aus dem Lot geraten ist. Mehr und mehr fühlen sich Mitarbeiter und Führungskräfte gestresst und ausgebrannt. Woher kommt das? Wo liegen die Ursachen? Schließlich arbeitet die überwiegende Zahl der Mitarbeiter wie früher ihre sieneneinhalb oder acht Stunden pro Tag. Auch die Überstundenberge waren vor zehn, 20 oder 30 Jahren ähnlich hoch wie heute. Dennoch scheint bei vielen das Gefühl der Überlastung stetig zu wachsen. Das gilt auch für das Empfinden, dass die Relation zwischen Arbeitszeit und Freizeit in ein immer stärkeres Ungleichgewicht gerät.

Wo liegen die Ursachen?

  • • Ist heute das generelle Bild oder der Wert von Arbeitszeit und Freizeit im Vergleich zu früher verschoben? Gibt es eine neue Wertekultur? Schließlich nutzt man seit rund 20 Jahren den Begriff der Freizeitgesellschaft immer öfter.
  • • Entspannen sich viele Menschen in der Freizeit nicht mehr? Man spricht ja in der Tat heute oft vom Freizeitstress. Statt auszuruhen, begeben sich nicht wenige in aufreibende Abenteuer und Urlaubsfahrten oder renovieren ihr Haus. Haben wir also zu wenig Wechsel zwischen Hochleistungsphasen und Erholungsphasen, also auf das Wort Stress bezogen einen zu geringen Wechsel zwischen positivem Eustress und eher negativen Distress?
  • • Ist eventuell die Arbeitsverdichtung zu stark geworden? Wenn ja, woran liegt das? Liegt es an zu viel Gleichförmigkeit im Job oder umgekehrt an zu vielen verschiedenen Aufgaben gleichzeitig?
  • • Wie steht es um den Sinn der Arbeit? Ist dieser vielen einfach nicht mehr klar, sodass sie in der Freizeit einen Sinn suchen und entsprechend aktiv sind? Könnte eine Diskussion über den Sinn, den tieferen Nutzen der Arbeit, an der einen oder anderen Stelle helfen, Frustrationen und ein daraus entstehendes Gefühl der Überlastung zu überwinden?
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Fragen über Fragen!

Meines Erachtens lohnt es, sich als Führungskraft über die Antworten zunächst selbst klar zu werden und dann zusammen mit Mitarbeitern darüber zu diskutieren und zu reflektieren. Sie werden über die Ergebnisse überrascht sein. In der Regel wird bei solchen Übungen nämlich sehr schnell sehr klar, dass die Einflussfaktoren nicht eindimensional sind, sondern dass mehrere Faktoren innerhalb und außerhalb der Unternehmung zusammenwirken. So kann es zu ernsten negativen Kumulationen von inneren und äußeren Einflussfaktoren kommen, statt zu positiven Synergieeffekten. Leider ist aber der Mensch, insbesondere wenn er belastet ist, eher ein pauschal und eindimensional denkendes Wesen. Das hat zur Folge, dass er sich unbewusst einen negativen Fokus setzt, durch den er die Welt betrachtet. Oft entsteht daraus eine Negativspirale. Deshalb: Probieren Sie mal, das Thema allein oder mit Ihren Mitarbeitern zu reflektieren. Oft sind es nur kleine Dinge, die geändert werden müssen. Diese haben aber oft eine sehr starke Hebelwirkung.

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